Multidimensionales Alignment – Ausrichtung als Prozess
Von Dr. Günter Niessen
Es ist die fortwährende Ausrichtung des Menschen mit sich selbst im Feld der Bedingungen – im jeweiligen Moment
Was ist Multidimensionales Alignment?
Für mich ist es ein Herzensthema, das mich schon seit über 20 Jahren beschäftigt und manchmal auch erschöpft, weil die vorhandenen Vorstellungen aus dem letzten Jahrhundert so tief in vielen Menschen verankert sind.
Anatomische Dimension: Alignment als funktionelle Organisation
Aus funktionell-anatomischer Sicht bedeutet Alignment nicht das Einhalten idealisierter Formen, sondern die intelligente Organisation des Körpers unter den jeweils gegebenen Bedingungen. Gelenke stehen nicht „richtig“, weil sie einer äußeren Norm entsprechen sondern wenn sie unter verschiedensten Gegebenheiten effizient und ohne Schaden zu nehmen, Last angemessen übertragen können. Muskeln arbeiten nicht „korrekt“, wenn sie sichtbar aktiv sind, sondern wenn sie situationsgerecht Spannung entwickeln und wieder abgeben können – im genau richtigen Moment und im genau richtigen Ausmaß. Bewegung ist dann ausgerichtet, wenn sie ökonomisch, anpassungsfähig und flexibel bleibt.
Alignment ist damit kein statischer Zustand oder eine universelle zu verallgemeinernde Anordnung, sondern ein Regulationsprozess. Der Körper richtet sich fortwährend neu aus – abhängig von Alter, Gewebequalität, Verletzungsgeschichte, Trainingszustand und nicht zuletzt vom aktuellen Energielevel. Je größer die Variabilität unserer Ausrichtungsmöglichkeiten, desto höher ist unsere Resilienz.
Biologische Dimension: Der Körper im Kontext
Jeder Organismus unterliegt Rhythmen. Tageszeit, Wach-Schlafrhythmen, Schlafqualität, hormonelle Regulation und nervaler Tonus, Ernährung, Temperatur oder Stressniveau beeinflussen unmittelbar unsere Bewegungsorganisation. Wir alle wissen und haben erlebt, wie wir uns bewegen und halten, je nachdem wann und was und wie viel wir gegessen haben.
Ein Körper am frühen Morgen richtet sich anders aus als am Abend und nach einer Mahlzeit anders als im nüchternen Zustand. In der Umgebung anderer Menschen bewegen wir und halten uns anders als in Zeiten des Alleinseins. Ein erschöpftes Nervensystem sucht Stabilität, ein reguliertes System erlaubt Variabilität.
Alignment geschieht daher nie losgelöst vom biologischen Kontext. Es ist immer eine Antwort auf „Jetzt“ und ja, auch darauf, wie wir geschlafen haben.
Emotionale Dimension: Stimmung formt Struktur
Unsere innere Verfassung beeinflusst unseren Muskeltonus, die Atembewegungen und Atemfrequenz und natürlich auch unsere Bewegungsmöglichkeiten und die Körperhaltung tiefgreifend. Angst organisiert den Körper anders als Vertrauen. Niedergeschlagenheit oder gestresste Nervosität äußert sich in Tonusveränderungen, Haltemustern und Schutzspannungen im Körper und kann funktionell sinnvolle Regulation sein – solange sie als temporäre Strategie verstanden wird und nicht als Dauerzustand. Sich selbst kennen zu lernen oder zu erforschen „svādhyāya“ darf im Yoga auch diese individuellen Gegebenheiten ansehen, zulassen und ihnen Zeit geben, sich zu verändern. Stattdessen versuchen viele Übende und Lehrer:innen, Haltungen und Bewegungen zu korrigieren, die Körperlichkeit zu verändern, ohne ihren Ursachen auf den Grund zu gehen. Wir haben meist gute Gründe uns so oder so zu bewegen oder zu halten. Diese Gründe zu durchbrechen, weil irgendjemand irgendwann seine Einsichten zu einem allgemeingültigen Dogma erhoben hat, halten wir nicht für sinnvoll und entspricht nicht den Vorschlägen der alten Texte.
Alignment bedeutet auch, Räume zu schaffen, in denen das System Sicherheit erfährt und unnötige Haltemuster aktiv loslassen darf, nachdem sie angesehen oder gefühlt wurden. Nicht durch Korrektur, sondern durch achtsame Erfahrung.
Kognitive Dimension: Wahrnehmen statt Vorgaben erfüllen
Wissen ist bedeutsam – doch entscheidend ist, wie es angewendet wird. Wenn Alignment zu einer äußeren Vorschrift wird, verlieren Übende oft den Zugang zu ihrer eigenen Wahrnehmung. Damit verlieren wir auch die Möglichkeit, uns „natürlich“ zu erleben, in unseren Begrenzungen, Bedürfnissen und Möglichkeiten. Alignment von außen zu betrachten führt zur (vor-)schnellen Korrektur, die genau deshalb nicht nachhaltig wirkt und im Alltag außerhalb der Yogamatte verloren geht. Wenn es hingegen als explorativer Prozess vermittelt wird, entsteht von Achtsamkeit getragene Eigenkompetenz:
Was unterstützt mich?
Was fühlt sich tragfähig an?
Wo entsteht Weite, wo Enge?
Wie geht es leicht?
Alignment wird so zu einem Lernfeld für Selbstregulation.
Spirituelle Dimension: Ausrichtung im Sinne des Yoga
Im klassischen Yoga ist die innere Haltung bzw. Ausrichtung untrennbar mit der Körperhaltung verbunden. Āsana und Vinyasa sind nicht Körperhaltung im eigentlichen Sinne. Sie sind viel eher ein verkörperter Zustand unseres inneren Raumes (citta). So sind auch Sthiram und Sukham hinweise Patañjalis auf eine innere Haltung des Gesammelt-Seins und der Durchlässigkeit, die unseren Dialog mit unserem Körper in eine andere Dimension heben können. Die Grundlagen der Āsanapraxis, ihr Fundament sozusagen, sind die Yama und Niyama, und nicht ausschließlich unsere Körperhaltung im Raum.
Ahiṃsā, die liebevolle, wohlwollende Verbundenheit mit uns selbst, santoṣa die Zufriedenheit oder auch das Einverstanden-Sein mit dem was ist, so wie es ist beziehen sich wie die anderen Vorschläge des Sūtras nicht auf unser Verhalten im Alltag allein, sondern sind wichtige Zutaten unserer Übungspraxis – mit dem Geist, dem Atem aber auch mit unserem Körper.
Sie lassen sich nicht mechanisch umsetzen – sie zeigen sich in der Art, wie wir praktizieren, wie wir in Bewegung sind oder verweilen. Sie zeigen sich in unserer inneren Offenheit demgegenüber, was wir denken, empfinden und letztlich, womit wir uns identifizieren. Können wir über die selbstbezogene innere Haltung hinauswachsen und sogar die Āsanapraxis einen Dialog mit uns selbst werden lassen? Einem Prozess der Reinigung „śauca“ in dem Sinne, dass sich das Auflösen darf, was geschaut wurde, um dem Raum zu geben, was ansonsten verklärt oder verdeckt bleibt? Ist also unsere Praxis von Gewaltfreiheit
getragen? Von maßvollem Umgang mit uns selbst, von Klarheit statt z.B. Ehrgeiz oder Gehorsam? Können wir die Yama und Niyama als Grundlage auch in unsere Āsanapraxis integrieren und uns an ihnen ausrichten?
Alignment bekommt hier eine ethische Qualität: eine Ausrichtung auf Stimmigkeit statt auf Perfektion und ermöglicht es so, tiefer zu gehen und unserer Essenz näher zu kommen. Yoga braucht nicht korrektes Befolgen von dies das und jenem, sondern Vertrauen, Vigilanz, Fokus und Klarheit im Umgang mit uns selbst. Sonst lösen sich Identifikationsprozesse nicht auf und wir bleiben die, die wir sind anstatt jene zu werden, die wir immer schon waren.
Ein multidimensionales Verständnis
In unserem therapeutisch orientierten Yoga bei Momentum Regeneration verstehen wir Alignment daher als Zusammenspiel mehrerer Ebenen, in denen es kein Richtig und Falsch gibt, sondern Stimmigkeit, Variabilität, Authentizität und Erkenntnis:
- körperlich: funktionelle Organisation von Gelenken, Muskeln und Faszien
- biologisch: Anpassung an Rhythmus, Kontext und Lebensalter und Lebensstil
- emotional: Einfluss von Sicherheit, Stimmung und Beziehung
- kognitiv: bewusste Wahrnehmung statt normativer Korrektur
- spirituell: innere Haltung im Sinne der yogischen Prinzipien
Diese Ebenen wirken immer gleichzeitig. Keine lässt sich isolieren oder optimieren.
Damit wird Alignment zu einem Grundprinzip, das Vielfalt erlaubt und Individualität respektiert. Es lädt uns ein, weniger zu „justieren“ und mehr zu verstehen, wie sich der Organismus organisiert, wenn wir ihm geeignete Bedingungen anbieten. So entsteht Ausrichtung nicht durch Korrektur von außen, sondern durch ein inneres Ordnen. Und genau darin liegt seine therapeutische Kraft.