Santoṣa – Einverstanden sein
Von Dr. Günter Niessen
Im Yoga wird Santoṣa meist mit „Zufriedenheit“ übersetzt. Doch vielleicht können wir diesem Wort eine weitere, tiefere Bedeutung zuschreiben?
Einverstanden zu sein mit dem, was ist, und zwar zunächst genauso, wie es ist.
Nicht im Sinne von Resignation oder Fatalismus, sondern als eine innere Haltung von Klarheit und Akzeptanz. Aus dem Einverstanden-Sein entsteht dann auch Zufriedenheit, oder etwa nicht?
Denn wenn wir ehrlich sind, verbrauchen wir einen großen Teil unserer Energie darauf, gegen das Leben, so wie es nun mal ist, anzukämpfen. Gegen kleine Nickeligkeiten des Alltags und Situationen, die anders sind, als wir sie uns wünschen oder erwartet haben. Gegen Entscheidungen, die wir selbst getroffen haben und deren Folgen wir nun tragen, und noch mehr gegen diejenigen, in deren Entstehung wir uns nicht eingebunden gefühlt haben.
Wir entwickeln mitunter sogar ein Gefühl der Ohnmacht und des Funktionieren Müssens.
Dieser innere Kampf kostet Kraft. Wir erleben ihn als Stress, der beschrieben werden kann als „Widerstand gegen das, was ist“.
Was würde geschehen, wenn wir – zumindest für einen Moment, einfach, um es mal auszuprobieren – aufhören würden zu kämpfen? Wenn wir zunächst einmal zulassen würden, dass das Leben genau so ist, wie es gerade ist; ohne anzunehmen, es sei gegen uns oder ließe uns links liegen?
Einverstanden zu sein bedeutet nicht, alles gut zu heißen. Es bedeutet auch nicht, dass uns etwas gleichgültig wäre. Ganz im Gegenteil!
Es bedeutet vielmehr, das Gegebene zunächst als gegeben zu betrachten.
Weil es so ist!
Und darin liegt eine besondere Kraft.
Alle Entscheidungen, die wir in unserem Leben getroffen haben, haben uns genau hierhergeführt – an diesen Punkt, an dem wir jetzt stehen. Die Vergangenheit wurde gelebt, sie lässt sich nicht zurückdrehen. Wenn wir das akzeptieren, verlieren Reue, Schuld und inneres Hadern einen Teil ihrer Macht über uns.
Santoṣa eröffnet damit einen anderen inneren Raum. Einen Raum, in dem wir nicht sofort reagieren müssen, in dem wir wahrnehmen können, was wirklich geschieht. In dieser Ruhe entsteht oft ein umfassenderes Bild unserer Situation. Wir können einen kleinen Schritt zurücktun und eine andere Perspektive (pratipaksa bhāvanā) oder ein umfassenderes Bild der jeweiligen Situation bekommen. Nicht nur auf kognitiver Ebene, sondern auch emotional können wir uns neu aufstellen. Wir sehen Zusammenhänge klarer, erkennen den Kontext und können Entscheidungen aus einer anderen Quelle treffen – einer Quelle, in der Intuition, Erfahrung und Herzensklugheit zusammenkommen.
In dieser Haltung entsteht Stille. Und in der Stille kann etwas wachsen, das wir im Yoga prājña – oder Weisheit nennen.
Niemand entscheidet sich aus dieser Stille heraus für Wut, für Vergeltung oder für unnötigen Kampf. Entscheidungen, die aus einem ruhigen inneren Raum entstehen, tragen eine andere Qualität.
Einverstanden zu sein heißt auch, Emotionen zuzulassen, wenn sie auftauchen, und sie nicht wegzudrücken oder auf später zu verschieben. Letzteres können wir mit unseren Reaktionen versuchen, einen Moment des Atmens oder Innehaltens, bevor wir auf unsere Emotionen reagieren. Die Angst mit ihrem Herzklopfen und ihren Anspannungen, den Schmerz über Verlust oder den Mut, die eigenen Zweifel zu überwinden, vielleicht sogar die Reue oder Schuldgefühle zunächst anzusehen, sie bewusst im Körper zu spüren, aus der Intention besser zu werden im „Einverstanden-Sein“. Weil all das, auch die unangenehmen oder sogenannten negativen Emotionen, zum Leben gehört. Manchmal ist es kaum auszuhalten, wirklich einverstanden zu sein, aber wenn wir es üben, werden wir wahrnehmen, dass vieles, was uns im Moment noch ins Wanken bringt, wenig später seine Energie verliert und unser Handeln nicht mehr aus dem Affekt, sondern aus der Klarheit bzw. Einsicht (viveka) entsteht. Denn erst wenn wir aufhören, gegen das Leben zu kämpfen, können wir beginnen, es klar zu sehen – und aus diesem Sehen heraus handeln.
Vielleicht ist Santoṣa deshalb weniger ein Zustand der Zufriedenheit als vielmehr eine innere
Zustimmung zum Leben selbst.
Zu diesem Moment und diesem Atemzug,
zu diesem Leben, das sich gerade entfaltet und dessen Teil wir sind.