YOGATHERAPIE  ·  FITNESS & REGENERATION

Yoga for Fitness

Fit für Bewegung, Alltag und Leben
Ein weiter Fitnessbegriff zwischen körperlicher Leistungsfähigkeit, Wahrnehmung, psychologischer Flexibilität und yogischer Praxis

Von Dr. med. Günter Niessen

Was heißt fit sein?

Wenn wir von Fitness sprechen, denken wir zunächst an körperliche Fähigkeiten: Wir möchten beweglich, kräftig und ausdauernd sein, uns qualitativ gut bewegen können und unser Gleichgewicht behalten. Gerade mit zunehmendem Alter bekommen diese Fähigkeiten eine sehr praktische Bedeutung: längere Strecken gehen, Treppen steigen, etwas tragen, sich vom Boden wieder aufrichten, einen Stolperer abfangen oder einfach weiterhin die Dinge tun können, die Freude machen.

Für den Alltag reicht diese Beschreibung trotzdem nicht ganz aus. Körperliche Leistungsfähigkeit entscheidet nicht allein darüber, wie gut wir mit Belastungen und Veränderungen umgehen. Dazu gehören auch Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, die Belastbarkeit des Herz-Kreislaufsystems, das Funktionieren unserer Verdauung, die Regulation von Emotionen, die Fähigkeit zum Lernen und die Frage, woran wir unser Handeln ausrichten. Fitness wird deshalb hier bewusst weiter gefasst. Es geht nicht darum, aus jeder menschlichen Fähigkeit eine neue Fitnesskategorie zu machen, sondern darum, welche Fähigkeiten uns helfen, den Anforderungen des Lebens angemessen, flexibel und selbstwirksam zu begegnen.

Drei Fragen strukturieren diesen erweiterten Fitnessbegriff: Was kann ich? Was kann ich damit tun? Wofür möchte ich es tun? Die erste Frage richtet sich auf Fertigkeiten, die zweite auf Handlungsfähigkeit im Alltag, die dritte auf Orientierung und Bedeutung. Diese drei Ebenen gehören zusammen und bilden den roten Faden dieses Textes.

 

Körperliche Fitness: der Körper als Handlungsmöglichkeit

Die Sportwissenschaft beschreibt körperliche Fitness unter anderem über kardiorespiratorische Ausdauer, Muskelkraft, Kraftausdauer und Bewegungsumfang, hinzu kommen motorische Fähigkeiten wie Gleichgewicht und Koordination. Solche Kategorien sind sinnvoll, weil sie helfen, Training gezielt zu planen. Im Alltag treten sie allerdings fast nie isoliert auf: Schon beim Aufstehen vom Boden wirken Kraft, Mobilität, Koordination, Gleichgewicht und Wahrnehmung gleichzeitig zusammen.

Der entscheidende Schritt besteht deshalb darin, Leistungsfähigkeit und Handlungsfähigkeit nicht gleichzusetzen. Ein großer Bewegungsumfang ist noch keine Garantie dafür, dass eine Bewegung kontrolliert und situationsgerecht eingesetzt werden kann. Ebenso ist Kraft mehr als das lange Halten einer anstrengenden Āsana. Wir benötigen sie, um uns aufzurichten, Lasten zu tragen, Bewegungen abzubremsen und bei unerwarteten Veränderungen stabil reagieren zu können. Handlungsfähig sind wir dann, wenn wir wählen können, um kreativ mit den Anforderungen des Lebens umzugehen.

Fitness heißt in diesem Zusammenhang: genügend körperliche Möglichkeiten zur Verfügung zu haben und sie der jeweiligen Situation angemessen einsetzen zu können.

Damit ist eine Abgrenzung verbunden, die für die yogische Perspektive wichtig ist. Gemeint ist ausdrücklich keine Selbstoptimierung, nicht breitere Schultern, kein trainierter Bauch als Ziel für sich. Gemeint ist Entfaltung: dem eigenen, authentischen Sein näherzukommen, als Persönlichkeit runder zu werden und sich dem Leben gewachsen zu fühlen.

Die WHO empfiehlt für Erwachsene 150 bis 300 Minuten moderate oder 75 bis 150 Minuten intensive aerobe Aktivität pro Woche, ergänzt durch Muskelkräftigung an mindestens zwei Tagen. Für ältere Erwachsene wird darüber hinaus an mindestens drei Tagen multimodales Training empfohlen, das Gleichgewicht, Kraft und funktionelle Aufgaben verbindet, mit dem Ziel, funktionelle Fähigkeiten zu erhalten und das Sturzrisiko zu verringern.

 Yoga kann viel, aber nicht automatisch alles

Eine gut aufgebaute Yogapraxis verbindet viele körperliche Anforderungen. Systematische Übersichten und Meta-Analysen bei älteren Erwachsenen zeigen positive Effekte vor allem für Gleichgewicht, Mobilität, Bewegungsumfang und zum Teil Muskelkraft. Für die kardiorespiratorische Ausdauer ist die Evidenz deutlich weniger überzeugend. Eine fordernde Yogastunde kann sich anstrengend anfühlen, ohne deshalb automatisch einen ausreichenden Ausdauerreiz zu setzen.

Diese Differenzierung ist hilfreich. Yoga muss nicht jede Trainingsform ersetzen. Sinnvoller ist die Frage, welche Fähigkeiten eine konkrete Praxis tatsächlich fordert und welche ergänzend trainiert werden sollten. Dadurch wird die Praxis nicht kleiner, sondern präziser, und lässt sich gezielt an diese Fertigkeiten anpassen.

Ein einfaches Beispiel zeigt das gut: Wer sich aus der Rückenlage ohne vorgegebenen Weg in den Stand aufrichtet und diesen Weg anschließend verändert, bemerkt schnell, wo Kraft nötig war, wo Mobilität gefragt war, wann Gewicht verlagert werden musste und welche Lösung dabei spontan entstanden ist. Eine einfache Alltagsbewegung wie diese zeigt, wie viele Fähigkeiten tatsächlich zusammenwirken.

 

Physiologische Fitness: die Wirkung nach innen

Neben Muskeln, Gelenken und Nervensystem reagiert auch das Innere des Körpers auf Yogapraxis: das Herz-Kreislauf-System, der Verdauungstrakt, das Lymphsystem, die Atmung. Diese Systeme lassen sich nicht willentlich trainieren wie ein Muskel, wohl aber durch Bewegung, Haltung und Atmung gezielt beeinflussen, und genau das macht physiologische Fitness zu einem eigenen Baustein des Fitnessbegriffs, nicht nur zu einer Begleiterscheinung der körperlichen.

Fließende, dynamische Sequenzen fordern das Herz-Kreislauf-System auf niedrigem bis moderatem Niveau und tragen so zur Herzkräftigung bei. Umkehrhaltungen verändern die Verteilung des venösen Rückflusses und können den Kreislauf spürbar beleben, den Blutdruck senken und die Kraft des Herzschlages steigern. Das Lymphsystem wiederum hat keine eigene Pumpe wie das Herz, sondern ist auf Muskelkontraktion und Bewegung angewiesen, um zu zirkulieren. Große, fließende Bewegungen mit einem Wechsel aus Anspannung und Loslassen unterstützen diesen Fluss ebenso wie Umkehrhaltungen, in denen die Extremitäten ganz anders im Raum und im Verhältnis zum Rumpf positioniert sind als im Alltag.

Auch die Verdauung wird berührt. Drehhaltungen und Vorbeugen üben mechanischen Druck auf die Bauchorgane aus, und eine ruhigere, vertiefte Atmung begünstigt über die Umschaltung von sympathischer zu parasympathischer Aktivität zusätzlich die Verdauungstätigkeit. Im yogischen Verständnis ist das eng mit agni, dem inneren „Verdauungsfeuer”, verbunden, einem Bild, das auf eine biomedizinisch gut belegte Grundtatsache trifft: Ruhe im Nervensystem kommt dem Verdauungstrakt zugute.

Am deutlichsten lässt sich physiologische Fitness über die Atmung erschließen. Reine Atemwahrnehmung macht uns oft schon langsamer und aufmerksamer, ohne dass sich am Atem selbst etwas ändert. Gezielte prāṇāyāma-Techniken gehen weiter und haben eigenständige, messbare Wirkungen. Eine Vertiefung des Atemvolumens durch mehr Zwerchfellbeteiligung, wie sie etwa durch Tönen, Mantra oder bhrāmarī entsteht, erhöht die Vitalkapazität. Eine Verlangsamung im gleichmäßigen Verhältnis von Ein- und Ausatmung, sama-vṛtti, wirkt besonders dann, wenn sie mit Bewegung koordiniert wird, und synchronisiert den gesamten inneren Raum. Am anderen Ende des Spektrums stehen kurze, kräftige Techniken wie kapālabhāti, die eher aktivierend wirken und ein anderes physiologisches Profil haben als die langsamen, beruhigenden Formen, mit einem Einfluss, der je nach Übenden durchaus individuell ausfällt.

Systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen zu langsamer, willentlich verlangsamter Atmung zeigen konsistent eine erhöhte, vagal vermittelte Herzratenvariabilität, während der Übung, unmittelbar danach und nach mehrwöchigem Training. Das ist ein guter Beleg dafür, dass Atemarbeit den Parasympathikus tatsächlich aktiviert und nicht nur subjektiv beruhigend wirkt, ob man dies nun Parasympathikus und Sympathikus nennt oder, in der yogischen Sprache, iḍā und piṅgalā.

Physiologische Fitness heißt: ein System, das seine inneren Rhythmen, Herzschlag, Atem, Verdauung, flexibel an die jeweilige Anforderung anpassen kann.

Physiologische Fitness ist damit kein Nebenschauplatz, sondern ein eigener Teil dessen, was unseren Begriff von Fitness im Yoga trägt: Fit für das Leben zu sein bedeutet auch, die inneren Systeme miteinzubeziehen.

 

Gleichgewicht: mehr als auf einem Bein stehen

Im Yoga wird Gleichgewicht häufig über einzelne Āsanas erfahren und beurteilt. Dahinter liegt jedoch ein komplexer Regulationsprozess. Das Nervensystem verarbeitet fortlaufend visuelle, vestibuläre und propriozeptive Informationen und passt die motorische Antwort an. Wird eine Informationsquelle verändert oder fällt sie teilweise weg, müssen die übrigen Signale neu gewichtet werden.

Das lässt sich unmittelbar erleben: Im Einbeinstand verändert das Schließen der Augen die Aufgabe stark, weil die visuelle Orientierung fehlt, langsame Kopfbewegungen fordern das vestibuläre System stärker, und eine veränderte Unterlage verschiebt die Bedeutung propriozeptiver Informationen. Interessant ist dabei weniger, wie lange eine Position gehalten wird, sondern wie flexibel das System auf neue Bedingungen reagiert. Gleichgewicht lässt sich im Übrigen ebenso im Liegen üben, in der Bretthaltung oder im herabschauenden Hund.

Für Sturzprävention ist genau diese Anpassungsfähigkeit relevant, wie große Studien der WHO gezeigt haben. Yoga kann dazu einen Beitrag leisten, sollte aber nicht pauschal mit einem vollständigen Sturzpräventionstraining gleichgesetzt werden.

 

Fitness der Wahrnehmung

Damit wir Bewegungen oder Belastungen regulieren können, brauchen wir Informationen darüber, was gerade geschieht. Exterozeption liefert Informationen aus der Umgebung, Propriozeption über Stellung und Bewegung des Körpers, Interozeption über innere Körperzustände wie Atem, Herzschlag, Wärme, Müdigkeit, Anstrengung oder Erregung. Diese Informationsquellen werden fortlaufend miteinander verbunden.

Für die Yogapraxis entsteht daraus eine zusätzliche Ebene. Es geht nicht nur darum, eine Bewegung auszuführen, sondern während der Bewegung zu registrieren, wie sie organisiert wird: wann sich der Atem verändert, welche Spannung für die Aufgabe erforderlich ist und welche zusätzlich hinzukommt, wann eine Belastung fordernd wird und wann unangemessen, wie früh Müdigkeit wahrgenommen wird. Wer eine mäßig anstrengende Position hält, kennt den Moment, in dem nach einiger Zeit ein Impuls entsteht, hier herauszugehen, oder den Gedanken, dass die anderen auch durchhalten, oder die Überzeugung, dass man das doch können müsse. Die interessante Frage lautet dann nicht, ob man länger durchhalten kann, sondern ob man noch wahrnehmen, unterscheiden und entscheiden kann. Vielleicht bleibt man, vielleicht verändert man die Position, vielleicht geht man heraus, und alle drei Entscheidungen können angemessen sein.

Wahrnehmung ist eine Voraussetzung für Regulation, denn was wir nicht bemerken, können wir nur schwer bewusst beeinflussen.

Aktuelle Übersichtsarbeiten beschreiben enge Zusammenhänge zwischen Interozeption und Emotionsregulation. Die Studienlage ist dabei heterogen und erlaubt keine einfache Aussage im Sinn von „mehr Körperwahrnehmung führt automatisch zu besserer emotionaler Regulation”. Für die Praxis reicht eine zurückhaltendere Schlussfolgerung: Differenzierte Wahrnehmung erweitert die Grundlage, auf der Regulation stattfinden kann.

 

Verlangsamen, wahrnehmen, unterscheiden, entscheiden

Eine zentrale Formel für diesen erweiterten Fitnessbegriff lautet: Verlangsamen, wahrnehmen, unterscheiden, entscheiden. Das Verlangsamen steht bewusst am Anfang, wobei nicht gemeint ist, jede Bewegung möglichst langsam auszuführen. Entscheidend ist der kurze Moment, in dem ein automatischer Ablauf so weit unterbrochen wird, dass überhaupt bemerkt werden kann, was gerade geschieht.

Unter Belastung tauchen häufig sehr schnelle Reaktionen auf: Der Atem beschleunigt sich, die Muskulatur spannt stärker an, Unsicherheit entsteht, oder es meldet sich der Impuls, eine Position sofort zu verlassen. Ebenso kann Ehrgeiz dazu führen, länger zu bleiben, obwohl die Qualität der Bewegung deutlich nachlässt. Wenn der Ablauf für einen Moment verlangsamt wird, entsteht die Möglichkeit, diese Reaktionen wahrzunehmen und zu unterscheiden.

Dann lässt sich fragen, ob diese Anstrengung sinnvoll ist, ob sie lediglich ungewohnt oder tatsächlich problematisch ist, ob mehr Kraft, mehr Stabilität oder weniger Ehrgeiz gebraucht wird, ob man bleiben, verändern oder aufhören sollte. Erst auf dieser Grundlage wird eine Entscheidung möglich, und dieselbe Folge kann in einer Āsana ebenso hilfreich sein wie in einer schwierigen Arbeitssituation oder einem emotional belastenden Gespräch.

 

Abhyāsa und vairāgya: üben, ohne starr zu werden

In Yogasūtra 1.12 nennt Patañjali abhyāsa und vairāgya als die beiden grundlegenden Bedingungen für die Beruhigung der Bewegungen des Geistes: abhyāsa-vairāgyābhyāṁ tan-nirodhaḥ. Abhyāsa bezeichnet dabei nicht irgendeine Wiederholung, sondern die Fokusfähigkeit des Geistes, unsere Wachheit über die Zeit. In YS 1.14 wird präzisiert, dass Praxis festen Grund bekommt, wenn sie über lange Zeit, ohne größere Unterbrechung und mit intensiver innerer Beteiligung gepflegt wird.

Für den Fitnessbegriff ergibt sich daraus eine nachvollziehbare Parallele, ohne Patañjali zur Trainingslehre umzudeuten. Körperliche und mentale Fähigkeiten entstehen durch wiederholtes Üben. Kraft, Gleichgewicht, Koordination und Aufmerksamkeit verändern sich nicht durch eine einzelne intensive Einheit, sondern durch Kontinuität. Persistenz ist so viel wichtiger als gelegentliche Ausbrüche intensiven Praktizierens.

Daneben steht vairāgya, denn Wiederholung kann auch starr machen. Wir halten an Bewegungsformen fest, die früher gut funktioniert haben, oder setzen Leistungsziele fort, obwohl sie nicht mehr zur aktuellen Situation passen. Abhyāsa erinnert an die Notwendigkeit des Übens, vairāgya an die Fähigkeit, nicht an einem bestimmten Ergebnis festzuhalten und nicht immer das Gleiche auf die gleiche Weise zu üben. Für eine langfristige Praxis ist diese Verbindung besonders wertvoll: Selbst die schönen Errungenschaften dürfen immer wieder losgelassen und verändert werden, und ein frischer, mit sanfter Neugier und Wohlwollen gespeister Geist ist wichtig für die innere Haltung.

 

Emotionale und mentale Fitness

Emotionale Fitness bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, möglichst ausgeglichen zu sein oder unangenehme Gefühle schnell loszuwerden. Angst, Ärger, Trauer und Freude sind Teil menschlicher Regulation. Entscheidend ist, ob unter dem Einfluss solcher Zustände noch Handlungsspielraum vorhanden bleibt.

Ein wissenschaftlich anschlussfähiger Begriff dafür ist psychologische Flexibilität, gemeint als die Fähigkeit, innere Erfahrungen wahrzunehmen und trotzdem entsprechend der jeweiligen Situation und den eigenen Werten handeln zu können. Eine Meta-Analyse mit 151 Studien fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen psychologischer Inflexibilität und geringerem Wohlbefinden, wobei sich aus den überwiegend querschnittlich erhobenen Daten keine einfachen Kausalbeziehungen ableiten lassen.

In einer fordernden Yogaposition lässt sich psychologische Flexibilität unmittelbar untersuchen. Der Impuls aufzuhören kann ebenso auftauchen wie der Impuls, unbedingt durchzuhalten. Die interessante Frage lautet dann nicht, wie lange eine Position gehalten wird, sondern ob Wahrnehmung und Entscheidung unter Belastung erhalten bleiben. Bleiben, verändern und beenden können jeweils angemessene Entscheidungen sein.

Regulation ist nicht gleich Kontrolle. Gute Regulation erhält Wahlmöglichkeiten.

 

Maitrī, karuṇā, muditā und upekṣā

Yogasūtra 1.33 beschreibt mit maitrī, karuṇā, muditā und upekṣā vier unterschiedliche innere Haltungen. Patañjali empfiehlt nicht eine einzige Reaktion für alle Situationen. Freundlichkeit passt zu anderen Bedingungen als Mitgefühl, Mitfreude oder Gleichmut, und die Qualität der Antwort richtet sich nach der jeweiligen Situation.

Gerade darin liegt eine Verbindung zum Gedanken emotionaler Flexibilität. Ein flexibles System verfügt über mehrere angemessene Reaktionsmöglichkeiten. Emotionale Reife besteht dann nicht darin, jedes Gefühl zu glätten, sondern darin, unterschiedliche Antworten zur Verfügung zu haben und sie passend einzusetzen.

 

Pratipakṣa-bhāvanā: eine andere Möglichkeit ausprobieren

In YS 2.33 heißt es: vitarka-bādhane pratipakṣa-bhāvanam. Der Begriff pratipakṣa-bhāvanā wird häufig mit „das Gegenteil kultivieren” übersetzt. Für die Praxis lässt sich der Gedanke weiter fassen: Wenn eine gewohnte Richtung nicht hilfreich ist, kann bewusst eine andere Möglichkeit erprobt werden, ein Aufruf zu Kreativität und Perspektivwechsel, der neue Verhaltens- und Denkmuster ermöglicht und die Grundlage tiefgreifender, über das reine Bewegungsmuster hinausführender Neuroplastizität bildet.

Das ist etwas anderes als positives Denken. Es geht um Perspektivwechsel und Erfahrung. Wer bei Unsicherheit automatisch anspannt, kann ausprobieren, den Atem zunächst freier zu lassen. Wer bei jeder Herausforderung sofort zurückweicht, kann einen Moment länger neugierig bleiben. Wer dagegen zum Durchkämpfen neigt, kann bewusst weniger tun. Die neue Variante muss nicht automatisch besser sein, ihr Wert liegt zunächst darin, dass eine Alternative überhaupt erfahrbar wird, und das Ergebnis liefert Information, aus der gelernt werden kann.

Motorisches Lernen nutzt Abweichungen zwischen erwartetem und tatsächlichem Ergebnis, um Bewegungsmodelle anzupassen. Solche Fehler- und Korrekturprozesse sind ein wichtiger Bestandteil neuronaler Lernmechanismen, auch wenn die Formel „mehr Fehler bedeutet mehr Neuroplastizität” zu grob wäre. Lernen entsteht aus einem Zusammenspiel von Variation, Fehlerkorrektur, erfolgreicher Wiederholung und Verstärkung. Für die Yogapraxis ist das eine hilfreiche Perspektive: Ein Wackeln, eine misslungene Variante oder eine ungünstige Kraftdosierung muss nicht als Scheitern behandelt werden. Wenn die Erfahrung wahrgenommen und ausgewertet wird, entsteht daraus Lernmaterial.

 

Mentale Fitness und viveka

Mentale Fitness lässt sich ebenfalls als Flexibilität verstehen. Dazu gehören die Fertigkeiten, Aufmerksamkeit zu lenken und dabei zu verweilen, Gedanken als Gedanken zu erkennen, eine Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und eine einmal gefundene Lösung wieder zu verlassen, wenn sie nicht mehr passt.

Hier berührt dieser Fitnessbegriff den Begriff viveka, die Unterscheidungsfähigkeit. Im Yogasūtra reicht seine Bedeutung bis zur fundamentalen Unterscheidung von puruṣa und prakṛti und ist damit weit umfassender als moderne Entscheidungsfähigkeit. Viveka ist das Mittel, um aus dem Leid der Unwissenheit, avidyā, herauszufinden. Trotzdem ist der Vorgang des Unterscheidens auch für den hier beschriebenen Zusammenhang wichtig: ob eine Empfindung gefährlich oder nur ungewohnt ist, ob Stabilität oder Bewegung gebraucht wird, ob ein Ziel noch angemessen ist, ob Beharrlichkeit gefragt ist oder Loslassen.

Fitness umfasst damit nicht nur die Frage, welche Fertigkeiten vorhanden sind. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit zu erkennen, wann welche davon gebraucht wird.

 

Śraddhā, vīrya und smṛti: Ressourcen des Übens

YS 1.20 nennt śraddhā, vīrya, smṛti, samādhi und prajñā als tragende Qualitäten des Übungsweges. Śraddhā lässt sich dabei nur unzureichend mit „Glaube oder Vertrauen” übersetzen. Im Kommentar Vyāsas bekommt der Begriff die Qualität einer tragenden Gewissheit, Zuversicht oder auch einer Überzeugung, die aus der bewussten Erfahrung gereift ist. Vīrya bezeichnet Vitalität, Energie und Tatkraft, smṛti die Fähigkeit, Erfahrung zu erinnern und gegenwärtig zu halten.

Daraus lässt sich eine schlichte Verbindung formulieren: Entwicklung braucht Zuversicht, Energie und die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen. Śraddhā unterstützt die Bereitschaft, sich auf einen Weg einzulassen, vīrya stellt Energie für das Handeln bereit, und smṛti verhindert, dass jede Erfahrung folgenlos bleibt. Auch hier handelt es sich nicht um eine sportwissenschaftliche Übersetzung des Sūtra, sondern um eine yogische Perspektive auf die Bedingungen, unter denen Entwicklung möglich wird. Samādhi, der integrative Zustand des Geistes, und prajñā, die gelebte Weisheit, lassen sich nicht ohne weiteres in diesen Kontext zwingen, bleiben aber als Horizont sichtbar.

 

Fitness für den Alltag und das Älterwerden

Am Ende zeigt sich Fitness im Alltag. Vom Boden aufstehen, tragen, sich auf unbekanntem Untergrund orientieren, eine unerwartete Bewegung abfangen oder sich nach Belastung wieder erholen sind praktische Beispiele. Ebenso wichtig sind andere Fähigkeiten: Müdigkeit früh bemerken, Pläne verändern, Hilfe annehmen, nach einer Niederlage neu beginnen oder etwas lernen, das zunächst schwerfällt.

Mit zunehmendem Alter gewinnt diese zweite Gruppe an Bedeutung. Der Körper verändert sich, und manche Fähigkeiten lassen sich erhalten oder verbessern, andere müssen neu organisiert oder irgendwann losgelassen werden. Langfristige Fitness kann deshalb nicht nur an maximaler Leistungsfähigkeit gemessen werden, Anpassungsfähigkeit wird zu einem zentralen Merkmal.

 

Wofür möchte ich fit sein?

Die Frage nach dem Zweck verändert den Blick auf Training. Menschen möchten fit bleiben, um unabhängig zu sein, zu reisen, zu unterrichten, einen Garten zu pflegen, mit Kindern oder Enkelkindern zu spielen, anderen zu helfen oder die eigene Yogapraxis fortsetzen zu können. Damit bekommt Fitness eine persönliche Richtung.

In den vergangenen Jahren hat auch die Forschung das Thema „purpose in life” stärker untersucht. Große Kohortenstudien und Meta-Analysen zeigen einen Zusammenhang zwischen stärker ausgeprägter Sinn- und Zielorientierung und günstigeren Gesundheits- beziehungsweise Mortalitätsdaten. Solche Beobachtungsdaten beweisen keine direkte Kausalität, unterstreichen aber, dass Gesundheit und Lebensführung nicht nur durch einzelne körperliche Parameter beschrieben werden können.

Die Frage nach dem Warum ist vor allem deshalb wertvoll, weil sie Prioritäten klärt. Wir trainieren dann nicht für einen abstrakt idealen Körper, sondern pflegen Fähigkeiten, mit denen wir unser Leben gestalten möchten.

 

Sthira und sukha: Stabilität und angemessene Leichtigkeit

In YS 2.46 beschreibt Patañjali āsana mit den beiden Qualitäten sthira und sukha: stabil, gesammelt und zugleich von einer angemessenen Leichtigkeit, durchlässig und offen für alles in uns und um uns herum. Das Sūtra gehört in den Kontext des achtgliedrigen Yogaweges und ist keine moderne Trainingsformel, dennoch enthält diese Verbindung einen Gedanken, der für diesen Fitnessbegriff hilfreich ist.

Ein leistungsfähiges System braucht Stabilität, aber keine dauernde maximale Spannung. Es braucht Anstrengung und Erholung, Beharrlichkeit und Anpassungsfähigkeit. Die Qualität liegt nicht an einem der Pole, sondern in der Fähigkeit, je nach Situation angemessen zwischen ihnen zu regulieren. YS 2.47 und 2.48 führen den Gedanken weiter, indem die Rolle übermäßiger Anstrengung relativiert und schließlich die Bindung an Gegensatzpaare gelockert wird.

Ein gut reguliertes System kann Spannung entwickeln, wenn sie gebraucht wird, und sie wieder lösen, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat.

 

Yoga for Fitness: eine Zusammenfassung

Ein weiter Fitnessbegriff beginnt bei den körperlichen Grundlagen und führt über Wahrnehmung und Regulation zur Frage der Orientierung. Kraft, Ausdauer, Mobilität, Gleichgewicht und Koordination bleiben unverzichtbar. Hinzu kommen die Fähigkeit, innere und äußere Informationen zu registrieren, unter Belastung handlungsfähig zu bleiben, neue Lösungen auszuprobieren und aus Erfahrung zu lernen.

Als roter Faden kann die Folge „Verlangsamen, wahrnehmen, unterscheiden, entscheiden” dienen. Verlangsamen schafft den Raum, in dem automatische Reaktionen überhaupt sichtbar werden. Wahrnehmung liefert Informationen. Unterscheidung bewertet sie im Zusammenhang. Entscheidung setzt daraus eine Handlung um. Wenn die gewohnte Lösung nicht trägt, eröffnet pratipakṣa-bhāvanā eine weitere Möglichkeit, die ausprobiert und überprüft werden kann.

Yoga for Fitness wird so zu einer Praxis, die körperliche Leistungsfähigkeit ernst nimmt, sie aber in einen größeren Zusammenhang stellt. Ziel ist nicht ein möglichst perfekter Körper. Ziel ist, Fähigkeiten zu pflegen, die uns ermöglichen, dem Leben mit möglichst vielen guten Optionen zu begegnen.

 

Die abschließende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie fit bin ich? Sondern: Wofür möchte ich fit und handlungsfähig bleiben?


Literatur und Hintergrund

World Health Organization. WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour. Geneva: WHO, 2020.

Sivaramakrishnan, D., Fitzsimons, C., Kelly, P. et al. The effects of yoga compared to active and inactive controls on physical function and health-related quality of life in older adults: systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity. 2019;16:33.

Shin, S. Meta-Analysis of the Effect of Yoga Practice on Physical Fitness in the Elderly. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2021;18(21):11663.

Lazzarelli, A. et al. Interoceptive Ability and Emotion Regulation in Mind-Body Interventions: An Integrative Review. Behavioral Sciences. 2024;14(11):1107.

Ong, C. W., Barthel, A. L., Hofmann, S. G. The Relationship Between Psychological Inflexibility and Well-Being in Adults: A Meta-Analysis. Behavior Therapy. 2024;55(1):26-41.

Laborde, S., Allen, M. S., Borges, U. et al. Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: a systematic review and a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2022;138:104711.

Dayan, E., Cohen, L. G. Neuroplasticity subserving motor skill learning. Neuron. 2011;72:443-454.

Seidler, R. D. et al. Neurocognitive mechanisms of error-based motor learning. Advances in Experimental Medicine and Biology. 2013;782:39-60.

Patañjali: Yogasūtra, insbesondere I.12, I.14, I.20, I.33, II.33 sowie II.46-48; mit Bezug auf den Kommentar Vyāsas.

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